Auf kleiner Energiewende Safari in Japan

Es sind erst drei Jahre seit dem Beginn der Nuklearkatastrophe in Fukushima vergangen, aber schon jetzt versucht die nationalkonservative Regierung von Premieminister Shinzo Abe die Uhren der Energiepolitik zurück zu drehen. In den vergangenen drei Jahren hat aber auch die “Energiewende von Unten” an Fahrt aufgenommen. Nicht nur das Interesse am Energiethema scheint bei vielen Bürgerinnen & Bürgern zugenommen zu haben, auch der Wunsch und der Wille aktiv zu werden und selbst etwas zu unternehmen scheint erwacht zu sein.  Bei einem Aufenthalt in Japan im April 2014 wurde ein Spaziergang in einer ländlichen japanischen Gemeinde, zu einer kleinen Energiewende Safari.

Zwei Einfamilienhäuser im ländlichen Japan im Frühjahr 2014

Vor zwei Jahren erklang die Werbetrommel

Meine letzte Reise nach Japan fand im April 2012 statt und lag somit fasst genau zwei Jahre zurück. Die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien nach deutschem Vorbild war zwar schon beschlossen, sollte aber erst zum 1. Juli des selben Jahres in Kraft treten. Schon damals gab es Häuser mit Photovoltaik auf dem Dach, immerhin gehört auch Japan zu den historischen Pionieren der Photovoltaik. Vor knapp 10 Jahren war Japan noch weltweit führend bei der Produktion von Solarzellen und der installierten Leistung. Glitzernde Dächer die lautlos elektrische Energie erzeugen waren 2012 aber bei weitem noch nicht so alltäglich wie heute in Deutschland.

Was mich damals besonders erstaunte war die Art und Weise mit der die Solarenergie beworben wurde. Ob im Fernsehn, auf großen LED-Werbetafeln oder an Verkaufsständen in Einkaufzentren, die Werbetrommel war deutlich lauter hör- & sehbar als ich es je in Deutschland erlebt hatte. Das passende Solardach zum neuen Plugin-Hybrid Auto oder ein HEMS (Home Energy Management System) schienen wie die neuen “Must Haves” für Hausbesitzer. Das stromerzeugende Eigenheim schien ein wenig wie das iPhone unter den Häusern.

Umso gespannter war ich, welche Auswirkung diese Art der Vermarktung im Zusammenspiel mit der Einführung der Einspeisevergütung seit dem gehabt hatte. Der Wandel innerhalb von zwei Jahren war überraschend sichtbar und auf eine charmante Art alltäglich.

Eine Werbung für ein neues Fertig(Smart-)Haus im Jahr 2014

Eine Werbung für ein neues Fertig(Smart-)Haus im Jahr 2014

Entwicklung der Photovoltaik in Japan

Japans Aufbruch ins Solarzeitalter

Laut der offiziellen Daten des Japanischen Wirtschaftsministeriums (METI)  hat sich die installierte PV-Leistung seit dem in Kraft treten des „Japanischen EEGs“ am 1. Juli 2012 mehr als verdoppelt. Anfang 2014 betrug die installierte PV-Leistung  in Japan ca. 13 GW (vgl. 36 GW in Deutschland). Zwar trugen gewerbliche Anlagen auf Dächern und Freiflächen den Löwenanteil dieses Wachstums, die PV-Leistung aus Anlagen auf  Dächern der privaten Haushalte mit weniger als 10 kW hat sich allerdings auch beachtlich um satte 45% gesteigert.  Mit schon 6.8 GW haben die Japanischen Bürger schon jetzt mehr PV-Leistung auf ihren Einfamilienhäusern als wir hier in Deutschland - ein toller Trend der sich zu beschleunigen scheint. (siehe Diagram)

Soweit zu den “harten Fakten”, die hoffentlich nur ein Startschuss waren. Die gefühlte Steigerung des Energiebürgertums in der Region in der ich im April 2014 wieder unterwegs war hat mich allerdings noch mehr beeindruckt.

 Impressionen vom Aufbruch ins Solarzeitalter in Japan

Bürger-Energiewende auf dem Dach und am Straßenrand

Hier nun ein paar Impressionen von meinem Spaziergang durch die Gemeinde Misato, knapp 100km nördlich von Tokio, am Fuße der japanischen Alpen (inkl. aktiver Vulkane). Aus deutscher Sicht ist es vielleicht nicht mehr so erstaunlich, dass “normale Leute” sich dafür entscheiden Stromerzeuger zu werden. Für mich war es aber ein schönes Gefühl zu sehen, dass dieser Unternehmergeist so plötzlich überspringen kann. Besonders, wenn man bedenkt, dass die Investionskosten in Japan noch vergleichsweise hoch sind, woduruch die Entscheidung zu einem Kredit nicht spontan leicht fällt. Zwar gibt es eine recht hohe Einspeisevergütung pro kWh PV-Strom, bei einer Laufzeit von nur 10 Jahren für Kleinanlagen dürfte die Rendite aber dennoch nicht üppig sein. Das der Stromzähler jeden Monat von einem Mitarbeiter der Firma Tepco (bzw. einem anderen regionalen Monopolisten) abgelesen wird, könnte natürlich auch eine zusätzliche Motivation sein.

Neben den schon erstaunlich allgegenwärtigen PV-Anlagen auf Einfamilienhäusern und größeren Wohn & Gewerbebauten, gibt  es auch schon ein paar kleine bis mittlere Freiflächenanlagen. Diese liegen direkt am Straßenrand oder auf kleineren Ackerflächen die zwischen den Einfamilienhäusern übrig geblieben waren. Die reale “Flächenkonkurenz” besteht aber eher zwichen PV-Anlage und der allgemeinen Zersiedlung, als zwischen “Teller & Steckdose”.

Da Japan ein Land der Häuser mit begrenzter Lebensdauer (20-30 Jahre) ist, erneuert sich der Gebäudebestand recht schnell. Bei Neubauten scheinen PV-Anlagen fasst schon Standard zu sein inkl. neuer Dachformen die eine höhere Modulfläche bieten. Ein schöner Zufallsfund war auch ein Neubau “Smarthome” mit eleganten Solarziegeldach und einer “Enefarm” statt dem typischen Gasboiler. Die Enefarm ist ein Brennstoffzellen nano-BHKW, welches sich seit 2009 in der Markteinführung befindet.

Auch wenn die Regierung in Tokio und (sehr) mächtige Industrieverbände an der Restauration der Atomkraft inkl. der alten Energieordnung arbeiten, die neue Energieordnung scheint sich zumindest auf den Dächern der Haushalte schnell zu etablieren.