Mondzahlen in der Energiewende-Debatte

Gestern hat die energiewirtschaftliche Beratungsfirma Enervis die Ergebnisse ihrer Studie “Der ideale Kraftwerkspark der Zukunft” vorgestellt. Im Auftrag des Energieversorgungsunternehmens Trianel Gmbh, ein Gemeinschaftsunternehmen zumeist nordrhein-westfälischer Stadtwerke, haben die Energie-Analysten von Enervis die für die Energiewende nötigen Veränderungen im konventionellen Kraftwerkspark untersucht. Es gibt zwar bei weitem bessere Beispiele für Mondzahlen in der Energiewende-Debatte, aber ein Blick auf diese eigentlich recht gute Studie lohnt trotzdem.

Überraschung zwischen den Zeilen

Die Ergebnisse der Untersuchung sind dabei für eingefleischte Energiewende-Beführworter wenig  überraschend.  So sollen die Überkapazitäten an schwerfälligen, mit Kohle befeuerten Grundlastkraftwerken abgebaut werden um so wieder Platz im Energiemarkt für flexiblere neue Kapazitäten zu schaffen. Diese und andere Erkenntnisse der Studie sind auf jeden Fall richtig und wichtig. Wer mehr dazu lesen möchte, findet hier eine kurze Zusammenfassung oder kann gleich in der Studie schmökern.

Was mir beim Betrachten der Studienergebnisse allerdings ins Auge fiel, waren die für die zukünftige Entwicklung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen angenommenen Werte, womit wir nun also zu den Mondzahlen kommen.

Annahme für das Jahr 2024

Laut Erläuterung in der Studie folgen die zugrunde liegenden Annahmen “einem derzeit üblichen energiewirtschaftlichen Annahmesatz und stehen für eine von vielen Akteuren als realistisch eingeschätzte mittlere Entwicklung”. Betrachtet man was dies für die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien (Abb. 6 auf Seite 17) bedeutet, kommt man für das Jahr 2024 auf ca. 230 TWh Strom.  Zwar sieht diese Zahl mal eben so schön aus, woher sie aber genau kommt und ob sie plausibel ist wird aus meiner Sicht nicht hinreichend erklärt.

Das diese Zahl absurd gering ist, wird eigentlich schon bei der Gegenüberstellung mit den Annahmen der Bundesnetzagentur deutlich.  In ihrem aktuellen Entwurf für den Netzentwicklungsplan geht die Behörde in ihrem Leitszenario (NEP2014-B) von 278 TWh  erneuerbarer Stromerzeugung im Jahr 2024 aus. Man bedenke, auch diese Annahmen der Bundesnetzagentur gilt bei vielen Energiewende-Befürwortern als strukturkonservativ, was beim Vergleich mit Szenario C deutlich wird, welches die Ziele der Bundesländer abbildet. Weder die von Enervis getroffenen Annahmen, noch das Leitszenario der Netzagentur bilden also das Mögliche ab, sondern sind mehr oder weniger willkürlich gewählt.

Ein kurze Milchmädchenrechnung zeigt auch genau warum.

1 x 1 der Energiewende verlernt?

Laut den Experten von Enervis stützen sich die Ergebnisse zum konventionellen Kraftwerkspark auf modellhafte Berechnungen. Der Ausbau der Erneurbaren Energien (EE) und der Kraftwärmekopplung (KWK), sowie der Atomausstieg bis 2022 wurde dabei als feste politische Vorgaben gesetzt und bilden den Rahmen der Berechnung.

Für die Erneuerbaren bedeutet dies laut Studie das befolgen eines Ausbaupfades, der in der Mitte des im aktuellen EEG Gesetzentwurf beschriebenen Korridors liegt. Warum diese Vorgabe aber zu einem mageren EE-Zuwachs von nur ca. 7,2 TWh pro Jahr führt, wenn sogar der als Energiewende-Bremse geltende Gesetzentwurf auf +11 TWh pro Jahr abzielt, bleibt das Geheimnis der Energie-Berater von Enervis.

Wie absurd ein einstelliger TWh-Zuwachs in der heutigen deutschen Energiedebatte ist, kann man mittels eines schnellen Milchmädchen Mondzahlencheck durchschauen. Nimmt man für 1 GW neue Windenergie an Land 2.0 – 2.6  TWh jährliche Stromerzeugung an (siehe UBA Studie S.37), dann ergibt allein der geplante Netto-Zubau dieser Technologie von 2,5 GW pro Jahr ein plus von 5-6,5 TWh. Alle anderen Erneuerbaren dürften also folglich fast gar nicht mehr wachsen.

Realismus, ja bitte!

Eine nüchternde Analyse der bis 2020 zu erwartenden jährlichen Zunahme der EE-Erzeugung (beim Befolgen der im aktuellem EEG-Entwurf genannten Ausbaukorridore) zeigt, dass die Annahmen der Enervis-Studie diese um ca. 50-100% unterschätzt. Ein sehr wackeliges Fundament für die Planung des “idealen Kraftwerkspark”.

Da ich die grundlegende Fragestellung der Enervis-Studie richtig & wichtig finde, wäre eine weitere Studie, welche den nötigen Umbau des konventionellen Kraftwerksparks mit realistischeren Zahlen durchrechnet, sehr wünschenswert. Wenn so eine Folgestudie dann auch noch den Blick über den konservativen Trendszenario-Horizont erweitert und um die für Zeiten des Umbruchs ach so nötigen Sensitivitätsanalysen ergänzt, könnte sogar eine Empfehlung dabei rauskommen, die nicht dazu verdammt ist in schon wenigen Jahren (Monaten?) lächerlich zu sein.

Man bedenke nur, ob man in wenigen Jahren dem Gross des deutschen Gewerbes und der Industrie die ergänzende Eigenerzeugung mittels PV & Windkraft verbieten werden kann, während diese Art der Erzeugung auf der ganzen Welt allmählich anklang finde wird. Es ist zumindest sehr zweifelhaft.

Eine mittelfristige Strategie eines Energieversorgers sollte man mit Sicherheit nicht auf solche Wünsch-dir-was-Szenarien aufbauen, denn das mehr als 2,5 GW Photovoltaik Zubau möglich sind, haben neue kleine-mittlere Investoren in Deutschland schon mehrfach bewiesen. Ob dagegen der Blick auf in der Energiewirtschaft heute übliche “Trendszenarien” in Zeiten der Energiewende sinnvoll ist, hat sich meines Wissens bis Heute noch nicht gezeigt.